Nachgedacht

DAS GEHEIMNIS DES ENGELS

„Sie hatte recht. Ich liebte meine Arbeit in der Tischlerwerkstatt. Jeder Tisch, den ich baute, jeder Stuhl, den ich mit Schnitzwerk versah, ließen mich das Leben verstehen und lieben – obwohl ich es erst jetzt begreife. Sie sagte, ich würde mit den Dingen sprechen, die ich herstellte, und mich wundern, wenn ich sehen würde, dass die Tische und die Stühle fähig waren zu antworten, weil ich in sie das Beste meiner Seele hineinlegte – und ich würde als Gegenleistung die Weisheit erlangen.“

„Hättest du nicht als Tischler gearbeitet, wärest du auch nicht fähig gewesen, deine Seele aus dir heraustreten zu lassen, dir vorzustellen, du seist ein sprechender Rabe, und zu begreifen, dass du besser und weiser bist, als du denkst,...weil du im Tischlern das Heilige entdeckt hast, das überall ist.“

„Es hat mir schon immer gefallen, so zu tun, als spräche ich mit den Tischen und Stühlen, die ich baute. Ist das nicht ausreichend? Die Frau hatte recht, denn wenn ich mit ihnen sprach, kam ich auf Gedanken, die mir nie zuvor in den Sinn gekommen waren. Doch als ich begriff, dass ich Gott auf diese Weise dienen könnte, da erschien der Engel, und ich...nun ja – das Ende der Geschichte kennst du.“

„Der Engel ist erschienen, weil du für ihn bereit warst.“

„Ich war ein guter Tischler.“

„Das war Teil deiner Lehrzeit. Wenn ein Mensch seinem Schicksal entgegengeht, muss er häufig die Richtung wechseln. Manchmal sind die äußeren Umstände stärker und er muss feige nachgeben. Das alles gehört mit zur Lehrzeit. Doch niemand darf aus den Augen verlieren, was er wirklich will. Selbst wenn er manchmal glaubt, die Welt und die anderen seien stärker. Das Geheimnis ist, nicht aufzugeben.“

(P. Coelho – Der fünfte Berg)

DAS VERSPRECHEN EINES VATERS

„7. Dez. 1988. Ein gewaltiges Erdbeben verwüstete den nordwestlichen Teil Armeniens. Tausende Menschen starben. Sofort nach dem Erdbeben rannte ein Mann zur Schule seines Sohnes. Das Schulgebäude war wie ein Kartenhaus zusammengefallen. Es gab kein Anzeichen für Überlebende. Doch dieser Vater dachte überhaupt nicht daran umzukehren, denn er hatte seinem Sohn oft versprochen: "Ich bin immer für dich da, wenn du mich brauchst! Egal, was passiert!" Auch wenn die Aussichten hoffnungslos waren, fing der Vater an, mit bloßen Händen den Schutt wegzuräumen. Andere verzweifelte Eltern standen da und weinten. Man sagte dem Vater, dass es keine Hoffnung gäbe und er nach Hause gehen solle. Aber die Liebe dieses Vaters zu seinem Kind war so groß, dass er darauf beharrte: "Ich habe meinem Sohn versprochen, dass ich immer für ihn da bin, wenn er mich braucht!" Der liebende Vater grub unbeirrt weiter. Seine Kräfte wuchsen über ihn hinaus. 8 Stunden, 12 Stunden, 24 Stunden, 36 Stunden. Mit allerletzter Kraft stemmte er ein großes Trümmerstück beiseite... Plötzlich hörte er mehrere Stimmen! Er schrie: "Armand, Armand!" Da hörte er wirklich seinen Sohn rufen: "Vater! Ich bin es, Armand! Hilf uns! Ich habe den anderen Kindern gesagt, dass du kommen würdest, um mich zu retten. Weil du es versprochen hast. Bitte hol uns hier raus!"

Kurze Zeit später drang der Vater zu seinem Sohn und dreizehn anderen verängstigten und völlig erschöpften Kindern vor. Sie befanden sich in einem Hohlraum unter den Trümmern der Schule. Endlich gerettet! Der Vater trug seinen Sohn nach Hause zu seiner glücklichen Mutter. Als die Bewohner des Dorfes den liebenden Vater hochleben ließen, sagte er nur: "Ich habe meinem Sohn versprochen: "Egal, was passiert, ich bin für dich da!"

(R. Joas - Eine wahre Geschichte)