Stories

Berlin - Alltag - Jeder Tag eine neue Geschichte

Carlotta hat schon einige große Städte gesehen. Sie träumt von Paris, der Stadt der Liebe und freien Künste, wo man am Montmartre den Malern und Musikern auf den Straßen begegnet. In London aß sie die köstlichste Orangenmarmelade ihres Lebens. In Amsterdam fuhr sie mit einem leuchtend roten Fahrrad entlang der Grachten, über hundert Brücken und probierte ihren ersten Joint.

Auch wenn Berlin seine Schattenseiten hat, ist sie doch Carlottas wahre Heimat geblieben. Nach all den Reisen konnte sie keinen vergleichbaren Ort finden können, der so viele verschiedene Gesichter hat und es schafft, Menschen aus aller Welt anzuziehen. 

(...)

 

Ein lautes Hupen weckt sie aus ihren amerikanischen Tagträumen. Mittlerweile ist es schon hell geworden und der graue Himmel über Berlin verschwunden. Sie steht auf dem Bürgersteig. Hinter ihr ist kein Pink Cadillac, sondern ein orangefarbener Besenwagen der Stadtreinigung, der sie beinahe überfahren hätte. Ein Straßenfeger kehrt gut gelaunt pfeifend mit seinem riesigen Besen einen Haufen Dreck von schmutzigen Plastikbechern, Zeitungspapier und zerdrückten Getränkedosen zusammen. Dabei wirbelt er eine Menge Staub auf. Carlotta muss niesen, kramt in ihrer Manteltasche ein benutztes Taschentuch hervor und schnaubt zweimal kräftig. Eine Erkältung wird es hoffentlich nicht werden, in ein paar Tagen ist Premiere, denkt sie. Durch die Fensterscheiben des „Petit Bistro“ beobachtet sie beim Vorbeilaufen, wie Leute in köstliche warme Croissants beißen, an ihrem heißen Milchkaffee schlürfen und in der Morgenzeitung blättern.

(...)

 

 

Die Bühnentür an der Rückseite zum Theater steht geöffnet. Ein paar schmale Stufen führen hinab in den Keller, wo die anderen Schauspieler bereits mit dem Regisseur versammelt sind. Carlotta beeilt sich, legt ihren Mantel ab, holt aus ihrer Tasche das Manuskript mit ihrem Text, den sie noch einmal kurz überfliegt. Das Spielen gelingt ihr diesmal viel besser. Sie schlüpft in die Rolle der alten Pennerin hinein, die singend und pfeifend vor einem kleinen Theater haust und mit dem Hausmeister angebändelt hat. Der besorgt ihr als Liebesbeweis immer gerne eine Flasche billigen Rotwein, den beide, während drinnen die Vorstellung läuft, in der engen Pförtnerloge austrinken. Dabei erzählt sie ihm etwas über das Leben in den großen Städten, wo sie überall herumgekommen ist und prostet ihm zu: „Das Leben, egal an welchem Ort du gerade bist, schreibt die schönsten Geschichten. Zum Wohl, mein Lieber.“ 

(...)

  

Der Anblick der Hinterlassenschaften von gestern Abend und heute Morgen werden von einem nervösen Blinken ihres Anrufbeantworters aus dem Wohnzimmer abgelenkt. Die Leuchtanzeige zeigt sieben Anrufversuche an. Carlotta fällt auf, dass sie so viele Anrufe schon lange nicht mehr in ihrer Abwesenheit empfangen hat. Sie drückt auf die Abruftaste. Während sie sich von ihrer durchgeschwitzten Theaterkluft befreit und ein paar bequemere Sachen anzieht, hört sie, wie als erstes die aufgeregte Stimme ihrer Mutter ertönt. „Hallo, mein Schatz, ich bin’s. Wie geht es Dir? Ach, bitte denk daran, dass Morgen Tante Agathes Geburtstag ist. Es wäre auch eine gute Gelegenheit, dich bei ihr mal wieder blicken zu lassen. Darüber würde sie sich sehr freuen. Also, mach’s gut.“ Sie hat aufgelegt. Ach ja, denkt Carlotta, hier spricht das gute Gewissen in der Stimme ihrer Mutter. Sie will versuchen, es sich zu merken.

 

(Auszug aus "Das Leben der Carlotta B."  - Kurzgeschichten von Andrea Bannat)