Stories

Kapitelauszug:

(...) Carlotta hat das Päckchen bereits geöffnet, es liegt neben ihr auf dem Sofa. Sie hat als erstes den Brief ihres Vaters vorgefunden und begonnen zu lesen. Nun legt sie ihn erwartungsfroh beiseite und folgt seinen Anweisungen. Der Gegenstand, der noch im Karton auf sie wartet, ist ziemlich schwer und wurde sorgsam in festes Packpapier eingewickelt und mit Klebeband sicher verschlossen. Carlotta findet das alles sehr spannend und möchte zu gerne wissen, was sich darin befindet. Sie löst langsam ein Klebeband nach dem anderen, wickelt das Papier herunter. Unter dem Papier befindet sich noch eine dicke, feste Sicherheitsfolie. Es muss wohl sehr zerbrechlich sein. Das Knistern der Folie hat Sultan neugierig gemacht, der  sich nun vorsichtig, mit großen Augen und gespitzten Ohren anpirscht. Mit einer ausgestreckten Pfote inspiziert er das Papier. Das, was Carlotta nun aus der letzten Umhüllung hervorholt versetzt sie in großes Erstaunen. Es verlangt einen zweiten Blick, ein genaueres Hinschauen und Betrachten. Sie ahnt, dass sie da etwas Seltenes, sehr Kostbares in ihren Händen hält. Ein Meisterwerk. Auf einem runden schwarzen Steinsockel sitzt ein kleiner goldglänzender Vogel auf einem Ast. Ein festes Glasgehäuse hält ihn umschlossen und wenn man es schüttelt, rieseln kleine weiße Flocken umher, wie Schneegestöber im Winter. Carlotta ertastet unterhalb des Sockels eine Schraube. Sie lässt sich drehen und erzeugt ein knarzendes Geräusch. Dann, als sie sich nicht mehr weiterdrehen lässt, erklingt plötzlich eine Melodie und der Vogel gerät in Bewegung, als ob er auf dem Ast zu tanzen beginnt. Carlotta hört der hübschen Melodie zu, die ihr irgendwie bekannt vorkommt. Sie untersucht die Unterseite des Sockels. Dort befindet sich eine kleine goldene Plakette mit einer feinen Gravur: Charlotte Birmingham, London, 2. August 1843. Diese rätselhafte Inschrift verblüfft sie sehr und gleich darauf greift sie wieder nach dem Brief ihres Vaters.

(...)

Carlotta hat Katrin noch nicht so viel von ihrem Vorhaben erzählt und war sich selbst auch noch nicht klar darüber, ob sie hier überhaupt etwas finden würde. Also lässt sie sich etwas treiben und hofft, wie so oft auf ihre Intuition.

Am Anfang jeder Regalreihe gab es Hinweisschilder zu den Themen von A wie Archäologie bis Z wie Zoologie. In Gedanken geht sie das Alphabet durch. Nach einer Weile blickt sie auf die große Wanduhr am Ende des Lesesaals. Eine viertel Stunde ist um, denkt sie und ich habe nichts, wonach ich suchen kann... Moment mal, flüstert sie leise vor sich hin und bleibt vor einem Regal stehen. Natürlich, es geht doch um diese Uhr. Vielleicht gibt es ja . Und schon rattert es in ihrem Kopf. Sie läuft zu einem freien Suchmonitor und gibt mehrere Begriffe ein: "Alte Uhren, Spieluhren, antike Uhren, italienische Uhren" und studiert die Suchergebnisse. Sie lässt sich alles ausdrucken und läuft dann zu den entsprechenden Standorten. Ein Buch nach dem anderen wird begutachtet, bis sie endlich das Gefühl hat, das richtige in den Händen zu halten. Die schönsten Uhren der Welt Von der Erfindung antiker Uhren. Sie nimmt einen großen Bildband aus dem Regal. Vorne zieren verschiedene Uhren aus unterschiedlichen Epochen den Einband. Darunter sind Sanduhren, Sonnenuhren, Standuhren, Taschenuhren, Turmuhren und auch eine Spieluhr zu sehen. Carlottas Puls wird auf einmal schneller und ihr Herz pocht bis zum Hals. Der Bildband ist sehr schwer, über 300 Seiten dick und sie blättert eifrig hindurch. Viele Bilder und Skizzen sind darin enthalten und ein Kapitel handelt sogar von Spieluhren. Die Abbildungen ähneln sehr ihrer Spieluhr. Carlotta stößt einen inneren Jubelschrei aus und packt das Buch mit beiden Händen, als hätte sie des Rätsels Lösung schon gefunden. Am Eingang wartet Katrin bereits auf sie, die turmhoch mit Büchern bepackt ist. „Wie, das ist alles? Nur EIN dickes Buch? stellt Katrin erstaunt fest und fängt an zu lachen.

(...)

 

 

 

vollständiges Kapitel:

Kapital 10: Eine überraschende Einladung

Carlottas Briefkasten ist seit Tagen nicht von ihr geleert worden und jetzt quillt die viele Post aus dem Briefschlitz, so dass der Postbote große Mühe hat, da noch etwas hineinzustecken. Sie hatte einfach keine Zeit gehabt, um daran einen Gedanken zu verlieren. Die Hälfte ist sowieso nicht wichtig, dass weiß sie aus Erfahrung. Nun geht es aber nicht länger auszuhalten und sie kramt den ganzen Papierbatzen aus ihrem Fach. Daneben öffnet sich die Haustür plötzlich und Frau Sobotke kommt mit ihrem Hund herein. Die beiden Frauen stehen sich gegenüber, sehen sich kurz an und Carlotta begrüßt den schwanzwedelnden Benji. Also, liebe Frau Brinkmann. Das geht so nicht weiter. Mit ernstem Ton richtet Frau Sobotke ihre Worte an Carlotta,. Sie können den aaaarmen Postboten doch soooowas nicht zumuten. Mit einem süffisantem Lächeln zeigt sie mit ihrer Hand auf Carlottas Postberg, den sie mühevoll festzuhalten versucht. Wegen ihnen muss er ständig Überminuten machen, wer soll das bezaaaahlen?

 

Ach liebe Frau Sobotke, sie haben ja sooooo recht. Ich bin einfach nicht auf der Höhe - wirklich unverzeiiiiihlich. Ich habe schon überlegt, ob ich einen zweiten Briefkasten anmieten sollte. Aber wer soll das bezaaaaahlen? Jetzt müssen beide hellauf lachen und Carlotta fällt dabei beinahe ihr ganzer Poststapel aus den Händen. Benji bellt begeistert mit. Herr Wiesner, der freundliche Hobby-Imker-Nachbar kommt die Treppe hinunter und betrachtet, sichtlich amüsiert, die illustre Runde. Hallo die Damen. Was für eine heitere Begrüßung. Das muss wohl am guten Wetter liegen? Carlotta und Frau Sobotke halten ihr Gelächter an und wie aus einem Munde antworten sie scherzend: Nein, an der guten Post! Die Heiterkeit der beiden steckt nun auch Herrn Wiesner an: Na, dann ist doch alles Bestens, und zieht mit einem fröhlichen Gesicht weiter.

 

Im Flur ihrer Wohnung legt Carlotta erleichtert ihren Rucksack ab und den Stapel Post auf die Kommode. Sie streift sich die Schuhe ab, geht in die Küche und stellt den Wasserkocher an für den Tee. Sultan lässt sich noch nicht blicken. Um diese Zeit streunt er meistens draußen herum. Sie greift sich ihre Post und geht ins Wohnzimmer. Die Anzeige des Anrufbeantworters leuchtet mal wieder auf. Es gab drei Anrufe. Carlotta holt ihren Tee aus der Küche und dann hört sie die Nachrichten ab. Der eine ist von Katrin, die sich nochmal in Erinnerung bringt. Sie möchte mit ihr und Sarah einen gemütlichen Mädels Abend verbringen und schlägt das Wochenende in zwei Wochen vor. Der nächste ist von Alexander wegen des Konzerts am Wochenende und der Bitte, dass sie sich danach noch etwas Zeit nehmen sollte, um ihn anschließend ins sog. Künstlereck zu begleiten, dort trifft man die Musiker des Konzerthauses.

 

Der Dritte ist dringender. Ihre alte Dame hat sich gemeldet, sie braucht Carlottas Hilfe. Ok, diesen Rückruf erledigt sie noch in den nächsten Minuten, um herauszufinden, was vorliegt. Seit einigen Jahren besucht sie eine alleinstehende Dame. 80 Jahre alt, sie leidet schon länger an einer schleichenden Demenz, was in diesem hohen Alter auch nicht weiter verwunderlich ist. Erna Grossmann trat in Carlottas Leben bei einer alltäglichen Beschäftigung: Beim Einkaufen im Supermarkt. Die alte Dame kam mit einer einfachen Frage auf Carlotta zu, wo die Tütensuppen seien und schon entwickelte sich aus dieser kurzen Begegnung eine langjährige, freundschaftliche Beziehung. Sie haben beschlossen, auf Tütensuppen in Zukunft zu verzichten. Seitdem kocht Carlotta für Frau Grossmann einmal pro Woche Gemüsesuppe und geht für sie einkaufen.

 

Ihr Anruf war vor zwei Stunden. Carlotta wählt die Nummer. Besetzt. Verwundert legt sie den Hörer wieder auf. Sie widmet sich ihrer Post und will einen erneuten Anruf etwas später wagen. Wie sie schon vermutet hatte, sind über die Hälfte der Briefe unwichtig. Sie entdeckt eine Postkarte ihres Vaters, die sie sofort aus dem Stapel herausfischt. Er schreibt ihr diesmal aus Griechenland, von der Peleponnes. Er macht gerade Urlaub mit seiner Freundin Annegret und berichtet in wenige Sätzen: Meine liebe Carlotta, zwei Wochen bleibe ich nun mit Annegret auf diesem wunderschönen Fleckchen Erde und genieße das schöne Wetter, den guten Mavrodaphne (Likörwein aus Patras). Das Apollon-Theater, den Hafen der Stadt und vor allem das archäologische Museum stehen auf unserer Besuchsliste der Sehenswürdigkeiten. Spaziergänge am Strand und das warme Meer werden uns ebenfalls gut tun. Ich hoffe, du kommst auch eines Tages in diesen Genuss, das wünsche ich dir jedenfalls. Dein Paps.

 

Für einen Kurzurlaub hat sie im Moment keine Zeit und die Urlaubskasse muss erst wieder aufgefüllt werden. Gedanken und Bilder gehen ihr plötzlich durch den Kopf. Grüne Hügel, Berge, Strände, Meer, das Rauschen der Wellen, der Geruch von Salz in der Luft, Sprachen und auch leckeres Essen steigern das Fernweh. Sie träumt sich weg und verlässt das hier und jetzt, bis zu dem Moment, als Sultan über den Balkon hineingehüpft kommt und mit einem lauten MIAU-ich-habe-hunger auf ihrem Schoß landet. Dann schmiegt er sich an sie und ein leises Schnurren ertönt. Ja, Sultan ist ihr vertraut und sie ist sehr froh, dass sie ihn damals mitgenommen hat, als er ihr damals auf der Straße zugelaufen war. Damals, das war vor 7 Jahren als sie eine Freundin auf Ischia besuchte. Auf einem Spaziergang lief er ihr einfach hinterher und als er nicht von ihrer Seite wich und Carlotta ihm etwas von ihrem Proviant zu fressen gab, war es um sie geschehen. Sultan schaute sie mit seinen großen Augen ganz verliebt an und Carlottas Herz wurde sofort erobert. Ihre Freundin hatte einen Tierverein auf der Insel gefunden, der ihr bei der Rückreise mit der Katze helfen würde. Er musste einen Gesundheitscheck über sich ergehen lassen, Impfung und Entwurmung inklusive. Sie taufte ihn auf den Namen Sultan, erhielt den Tierausweis und konnte ihn so von der Insel mit nach Hause nehmen. Er wog damals nur knapp zwei Kilo, jetzt sind es mittlerweile an die vier Kilo geworden.

 

Sie versucht nun einen erneuten Anruf bei Erna Grossmann. Nach einigem klingeln hört sie eine leise, zaghafte zögernder Stimme: Ja,...Hallo? - hier Grossmann mit wem spreche ich bitte?

 

Hallo Erna, ich bin es, Carlotta.

 

Wer bitte?

 

Hier ist C a r l o t t a, du hast vor zwei Stunden hier bei mir angerufen und mich um Hilfe gebeten.

 

Ach, Carlotta, - ja natürlich. Tut mir leid, aber ich habe mich etwas hingelegt und bin noch etwas schläfrig. Ich hatte heute einen anstrengenden Arztbesuch und darum habe ich dich auch angerufen.

 

Ach so. Wir können auch etwas später telefonieren, wenn es dir wieder besser geht?

 

Nein, nein, das geht schon. Es tut mir jetzt ganz gut, mit dir zu reden. Meine Ärztin hat mit mir lange gesprochen und sie möchte, dass ich mir Gedanken machen sollte, ob es nicht besser ist, in ein altersgerechtes Wohnen umzusiedeln. Na, du weißt schon, was damit gemeint ist, weil ich doch so vieles vergesse und auch der Haushalt - das wird mir langsam alles zu viel und dann meine Gesundheit, - ach Carlotta, was mach ich nur?

 

Ok, ich verstehe jetzt. Deine Ärztin macht sich ernsthafte Sorgen, dass dir vielleicht was passieren könnte und keiner rechtzeitig da ist, um dir zu helfen. Du hast keine Angehörigen mehr und lebst alleine, das sind berechtigte Sorgen. Hast du daran schon mal gedacht, woanders zu wohnen, wo sich jemand um dich kümmert?

 

Nein, noch nie. Ich fühle mich hier doch wohl, das ist mein Zuhause, ich kenne hier alles. Was soll ich dort?

 

Ja, das verstehe ich gut. Es wäre jedenfalls an der Zeit sich darüber Gedanken zu machen. Deine Ärztin kann dir dabei auch helfen und wir können uns doch mal umsehen, was es so für Möglichkeiten gibt? Ich kenne da jemand, der ist in eine Wohngemeinschaft gezogen und hat sein eigenes Zimmer mit all seinen privaten Möbeln. Es gibt eine Gemeinschaftsküche, es kommen Therapeuten und Pfleger, helfen, wo es nötig ist, es gibt Freizeitangebote. Aber jeder ist selbständig und bestimmt über seinen eigenen Tagesablauf. Wir könnten ihn ja mal zusammen besuchen, was meinst du?

 

Hmm, ich weiß nicht so recht, das muss ich mir noch durch den Kopf gehen lassen. Das kommt alles so plötzlich.

 

Ja klar, du hast dir darüber auch noch nie Gedanken gemacht. Wir müssen auch nichts überstürzen, aber ich würde mir die Zeit nehmen, um dich hier zu begleiten. Außerdem geht so was auch nicht von heut auf morgen.

 

Gut, das klingt beruhigend. Meine Ärztin möchte mich in zwei Wochen wieder sehen und dann nochmal mit mir dieses Thema besprechen. Vielleicht kannst du mitkommen?

 

Ist gut, ich halte mir den Tag frei und dann sehen wir weiter. Ich ruf dich am Tag vorher nochmal an. Jetzt mach dir keine zu großen Gedanken und genieße erstmal eine Tasse Tee. Sultan lässt dich auch herzlich Grüßen, der liegt gerade schnurrend neben mir.

 

Ha, das ist schön. Ja du hast recht. Ich werde mir gleich eine Tasse kochen. Ich danke dir, dass du dich so schnell zurückgemeldet hast. Jetzt geht es mir schon besser.

 

Sie verabschieden sich beide. Carlotta legt den Hörer auf.

 

 

 

 

vollständiges Kapitel:

Kapitel 11: Der Engel am Fenster

Carlotta sitzt neben ihr auf einem Stuhl und streichelt ihre Hand. Die Anzeigen der Geräte leuchten und ein rhythmisches Piepen zeigt an, dass ihr Herz schlägt. Ja, es schlägt noch aber der Körper bewegt sich nicht mehr. Sie haben Erna Grossmann abgeholt, zwei Stunden, nachdem Carlotta den Hörer aufgelegt hat. Irgendetwas hat Carlotta bewogen, doch noch einmal zu Erna zu fahren. Sie hat die Wohnungstür aufgeschlossen und fand Erna auf dem Sofa liegen. Es sah zunächst aus, als würde sie schlafen, doch Erna war noch wach, aber konnte nicht mehr sprechen. Ihre Hände bewegten sich zittrig hin und her, dann zur Stirn, leichtes Stöhnen und plötzlich übergab sie sich. Carlotta konnte noch rechtzeitig eingreifen und die schwere Frau aufrichten und ihr eine Schüssel reichen. Augenblicklich wurde ihr klar, dass sie den Notarzt verständigen muss. Dann ging alles sehr schnell. Drei Männer und eine Ärztin kamen, untersuchten Erna, fragten Carlotta nach den Symptomen und nahmen sie umgehend mit ins nächste Krankenhaus. Am Abend erhielt Carlotta einen Anruf aus der Klinik. Diese Nachricht war alles andere als gut. Sie mussten Erna in ein künstliches Koma legen und brauchen nun eine Entscheidung der Angehörigen, wie es weitergehen soll. Der Arzt machte Carlotta keine Hoffnung mehr und empfahl, die Geräte abzuschalten. Innerhalb von zwei Stunden wurde sie vom Schicksal der Erna Grossmann überwältigt. Damit konnte sie nicht rechnen und wollte es zunächst auch nicht. Hallo!!! Carlotta, das ist sicher nur ein schlimmer Traum, gleich geht es ihr wieder besser und sie wacht auf, und alles ist gut.

 

Der Himmel draußen verdunkelte sich, Wind kam auf und es fing an zu regnen. Carlotta konnte ihre Tränen nicht länger zurückhalten und es überkam sie eine unendliche Traurigkeit. Erst nach einigen Minuten konnte sie wieder klarer denken und fasste sich ein Herz, um den Arzt zurückzurufen.

 

Ich möchte mich noch von ihr verabschieden können, bevor sie…“ Die Stimme brach ihr an dieser Stelle ab.

 

Selbstverständlich, sie können sich noch Zeit lassen. Wir unternehmen nichts, bevor sie nicht hier bei uns waren.

 

Gut, dann werde ich Morgen ins Krankenhaus kommen.

 

Leere, Stille, Nichts. Leben. Tod. Anfang. Ende. Du wirst geboren um zu sterben. Das Licht der Welt erblicken bedeutet auch gleichzeitig ins Licht gehen, von dieser Welt gehen. Carlotta hat sich mit diesen Themen immer mal wieder beschäftigt und nun stehen sie beide vor dieser Tür, die nur für Erna Grossmann aufgegangen ist. Durch diese wird sie nun alleine hindurchgehen und dann hinter sich wieder schließen. Carlotta wird sie ab hier nicht mehr weiter begleiten können.

 

 

 

Ein altes Haus.

 

Das alte Haus so dunkel und leer,

 

die Luft verbraucht,

 

die Treppe aus Eichenholz,

 

jede Bewegung fällt ihr schwer.

 

Der greise Körper,

 

gebeugt hält er sein Kreuz,

 

das Licht verblasst im Schatten,

 

die Augen sprechen aus,

 

was im Geiste er noch weiß.

 

 

 

Halte ihre Hand,

 

führe sie zum Gange,

 

 jeder Schritt geräuschvoll,

 

Hilfe suchend irrende Blicke,

 

das Herz wird mir Bange.

 

 

 

Wie lange noch,

 

wann das Leid zu Ende,

 

niemand mehr da,

 

ein letztes Blütenblatt fällt,

 

Herr, nimm sie in deine Hände.

 

So vergänglich ein Leben,

 

angefüllt mit Kostbarkeiten,

 

Reisen um die ganze Welt,

 

trübe Tage vom Glück befreit,

 

am Ende wird Er dich begleiten.

 

 

 

Carlotta hält ein selbstverfasstes Gedichtbuch in den Händen, daraus hat sie Erna hin und wieder vorgelesen. Diese Zeilen treffen nun auf diesen Zeitpunkt, sie spenden Trost und lassen den nächsten, unausweichlichen Schritt leichter werden.

 

Am nächsten Tag sitzt sie an Ernas Bett, neben ihr der leblose Körper, der nur noch von Maschinen am Leben erhalten werden kann. 80 Jahre Menschenleben. Für Erna ging es leicht und schnell zu Ende. Carlotta erinnert sich an die vielen, unzähligen Stunden, die sie beide mit schönen, guten, traurigen, nachdenklichen oder fröhlichen Gesprächen über Bücher, Kunst, Theater, Musik und Alltägliches verbracht haben. Sie hat viel aus dem Leben der alten Dame erfahren, einen besonderen Einblick in ihre Zeit erhalten, wo sie aufwuchs, was der Krieg mit ihrer Jugend machte, wie es danach weiterging, welche Chancen sie hatte und nicht nutzen konnte und nicht durfte als Mädchen, damals. Sie spürte das Bedauern, den Frust, die Enttäuschungen aber auch diesen typischen westfälischen Humor, der das Herz wieder leichter werden lässt. Ihn hat sie sich immer erhalten und das hat Carlotta so sehr an ihr bewundert. Nun ist es Zeit, sie gehen zu lassen.

 

Eine Krankenschwester überreicht ihr eine Tüte mit den Wertgegenständen und Kleidungsstücken, sie quittiert den Empfang. Ein letzter Blick, ein letzter Gruß, sie verbeugt sich vor der Old Lady, küsst ihre Stirn und wünscht ihr eine gute Heimkehr.

 

 

 

Einige Freunde, Bekannte und Nachbarn kommen zur Beerdigung, die Carlotta benachrichtigt hatte. Eine kleine aber besondere Trauergemeinde hat sich zur letzten Ehre der Erna Grossmann in der Friedhofskapelle versammelt. Im Hintergrund spielt die Musik von Cecilia Bartoli, einer italienischen Opernsängerin, die Erna sehr verehrt hat und viele ihrer Konzerte besuchen konnte. Alle nehmen etwas als Erinnerung mit. Die Toten bleiben bei uns, so lange wir uns an sie erinnern. Carlotta beobachtet einen weißen Schmetterling, der draußen hinter dem Fenster hin und her flattert. Erna besaß eine schöne Schmetterlingshandarbeit aus bemaltem Holz, die jetzt bei Carlotta am Schreibtisch hängt. Einige wenige Gegenstände aus Ernas Wohnung wollte sie vor der Räumung retten. Freunde, darunter die Bücherliebhaber hat sie gebeten, die vielen Bücher abzuholen und für die Tonskulpturen und Bilder fanden sich auch Abnehmer, denen diese Arbeiten gefielen und sie entsprechend wertschätzten.

 

 

 

Erna Grossmann besaß nie viel Geld, sie lebte das, was man heute Altersarmut nennt. Doch in ihrem Herzen besaß sie Güte, Großzügigkeit, Warmherzigkeit, die eine so große Kraft und Würde ausstrahlen konnten, was allen Widrigkeiten des Lebens Stand hielt. Sie verstand das Leben und die Menschen, auch wenn sie nicht jeden Tag viele um sich hatte. Darum waren Carlottas Besuche immer etwas Besonderes im Leben der Erna Grossmann. Nun wird es keine Besuche, keine Gespräche, kein gemeinsames Lachen mehr geben und es wird noch eine ganze Weile dauern, bis sich Carlotta damit abgefunden hat.

 

 

 

Auszug aus einem Romanentwurf "DIE KATZENSTIFTERIN"
von Andrea Bannat

 


© Andrea Bannat

 

Hintergrundbild: Reise USA - Los Angeles / Hollywood 1989 - Wallpainting