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„Sie hatte recht. Ich liebte meine Arbeit in der Tischlerwerkstatt. Jeder Tisch, den ich baute, jeder Stuhl, den ich mit Schnitzwerk versah, ließen mich das Leben verstehen und lieben – obwohl ich es erst jetzt begreife. Sie sagte, ich würde mit den Dingen sprechen, die ich herstellte, und mich wundern, wenn ich sehen würde, dass die Tische und die Stühle fähig waren zu antworten, weil ich in sie das Beste meiner Seele hineinlegte – und ich würde als Gegenleistung die Weisheit erlangen.“

„Hättest du nicht als Tischler gearbeitet, wärest du auch nicht fähig gewesen, deine Seele aus dir heraustreten zu lassen, dir vorzustellen, du seist ein sprechender Rabe, und zu begreifen, dass du besser und weiser bist, als du denkst,...weil du im Tischlern das Heilige entdeckt hast, das überall ist.“

„Es hat mir schon immer gefallen, so zu tun, als spräche ich mit den Tischen und Stühlen, die ich baute. Ist das nicht ausreichend? Die Frau hatte recht, denn wenn ich mit ihnen sprach, kam ich auf Gedanken, die mir nie zuvor in den Sinn gekommen waren. Doch als ich begriff, dass ich Gott auf diese Weise dienen könnte, da erschien der Engel, und ich...nun ja – das Ende der Geschichte kennst du.“

„Der Engel ist erschienen, weil du für ihn bereit warst.“

„Ich war ein guter Tischler.“

„Das war Teil deiner Lehrzeit. Wenn ein Mensch seinem Schicksal entgegengeht, muss er häufig die Richtung wechseln. Manchmal sind die äußeren Umstände stärker und er muss feige nachgeben. Das alles gehört mit zur Lehrzeit. Doch niemand darf aus den Augen verlieren, was er wirklich will. Selbst wenn er manchmal glaubt, die Welt und die anderen seien stärker. Das Geheimnis ist, nicht aufzugeben.“

(P. Coelho – Der fünfte Berg)